Sportzahnmedizin – Ein wichtiger Aspekt für mehr Leistung


Während meines Zahnmedizinstudiums wurde ich häufig gefragt, warum ich nach meinem Studium der Sportwissenschaften noch Zahnmedizin studiere. Das wurde mir erst später bewusst.

Häufig kam die Frage auf, was diese beiden Fachbereiche denn miteinander zu tun hätten?! Zugegebenermaßen habe ich mich das anfangs auch häufig gefragt. Die Parallelen der Wissenschaften wurden mir erst während meines Studiums bzw. seit Beginn meiner Arbeit bei dentamedic in Bad Neustadt klar.

In der Schulmedizin wird nach wie vor eine Trennung der einzelnen Fachbereiche durchgeführt. Die interdisziplinäre Sichtweise gewinnt allerdings immer mehr an Bedeutung. Oft wird unterschätzt, welch bedeutende Rolle ein gesundes Kausystem für die allgemeine Gesundheit und vor allem auch die sportliche Leistungsfähigkeit spielt. Beispielsweise bestehen aus dem Bereich der Physiotherapie, Orthopädie und den verschiedenen Bereichen der Zahnmedizin zahlreiche wissenschaftliche Belege, die einen direkten Zusammenhang zwischen dem Biss und den unterschiedlichen Wirbelsäulenbereichen nachweisen.

Entdecke deinen neuen Triathlon-Trainingspartner
Werbung

Mittlerweile eröffnet sich in der Zahnmedizin ein weiteres ganz neues Feld: die Sportzahnmedizin. Dieser Fachbereich beinhaltet für den Sport folgende wesentliche Themen: Verletzungsprophylaxe, Optimierung der Atemwege, Regeneration und zu einem bedeutenden Anteil orthopädische Aspekte.

Verletzungsprophylaxe

Eine Untersuchung auf etwaige zahnmedizinische Störfaktoren ist für die Prophylaxe von Verletzungen sinnvoll. Durch eine zahnärztliche Funktionsanalyse, 3D und 4D Vermessungen der Wirbelsäule, Infrarotthermographie und Gewichtverteilungsanalyse der Füße sowie speziellen Aufbiss-Schienen kann eine Verbesserung der Kraft, Ausdauer und Reaktionsfähigkeit erzielt werden.

Ein Beckenhochstand kann sich zum Beispiel durch einen Vorkontakt beim Zusammenbeißen entwickeln. Zur Erklärung – Vorkontakte können durch Füllungen, Kronen aber auch die natürliche Zahnstellung bedingt sein. Beim Zusammenbeißen verzahnen sich die Zähne aufgrund dieser „Hindernisse“ nicht gleichmäßig. Durch minimales Einschleifen von wenigen Mikrometern kann der Vorkontakt beseitigt und das Becken dadurch korrekt ausgerichtet werden.

 

Diers 3D-4D Wirbelsäulenscan
Diers 3D-4D Wirbelsäulenscan

Atmung

Durch eine fehlerhafte Bisslage, Dysfunktionen der Kaumuskulatur, kieferorthopädischer Geräte (wie Zahnspangen) oder Knirschen und Pressen mit daraus resultierender Abnutzung der Zähne kann es passieren, dass die Sauerstoffzufuhr eingeschränkt ist. Eine effektive Atmung ist jedoch essenziell für die maximale Sauerstoffaufnahme, Leistungsfähigkeit und allgemeine Gesundheit.

Durch eine gezielte Therapie der Muskelverspannungen der Kaumuskulatur und korrekten Positionierung des Unterkiefers lässt sich der effektive Luftröhrenquerschnitt vervielfachen. Dadurch wird eine Mehrversorgung mit Atemluft und infolgedessen ein positiver Einfluss auf die Leistung, die allgemeine Gesundheit und auch die Lebenserwartung erzielt.

Erholung

Für die Leistungsfähigkeit ist die Regeneration und Erholung entscheidend. Besonders der entspannte Schlaf ist wichtig für eine optimale Erholung von den Trainings- und Wettkampfbelastungen. Nachts wird die psychoemotionale Kompensation durch das Träumen und die dadurch bedingte Verarbeitung von Erlebnissen unterstützt.

Das Knirschen und Pressen mit den Zähnen stellt den muskulären Gegenpart dar. Im Schlaf wird ein Reflex unterdrückt, weshalb nachts – im Vergleich zu tagsüber – beim Knirschen und Pressen viel höhere Kräfte auf den Kauapparat wirken. Diese enormen Kaukräfte leiten sich auf das Kopf-, Hals- und Rumpfsystem aus. Für Patienten mit diesen Spitzenbelastungen wird eine Schienen- und Ursachentherapie empfohlen, um das Wohlbefinden positiv beeinflussen zu können.

Haltung

Der Biss hat einen entscheidenden Einfluss auf die Körperhaltung und Gesundheit. Beim Zubeißen wirkt eine enorme Kraft von 800 Newton und mehr über einen längeren Zeitraum. Zur Veranschaulichung: 800 N sind mit einem Gewicht von 80 kg, das auf den Kiefer drückt vergleichbar. Bei einer fehlerhaften Bisssituation kommt es zu muskulären und in Folge dessen zu orthopädischen Problematiken wie Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen. Durch eine Bisskorrektur mittels Schienentherapie kann sowohl die Rotation, als auch die Lotabweichung und maximale Seitenabweichung der Wirbelsäule deutlich verbessert werden.

Wirbelsäule
Wirbelsäule

Neben dem Biss spielt der gesamte Kopf eine bedeutende Rolle. Die Mundöffnung ist bewegungstechnisch gesehen nicht nur ein Abklappen des Unterkiefers, sondern eine Kopfbewegung. Beim Öffnen des Mundes wird der Kopf in den Nacken genommen.

Dies bedeutet, dass die Kaumuskulatur und die Muskeln zur Bewegung des Kopfes identisch sind. Folglich lassen sich über die Therapie der Kaumuskulatur-Verspannungen die Position des Kopfes beeinflussen und somit ganzkörperliche und auf Dauer orthopädische Effekte erzielen. Bezüglich der orthopädischen Aspekte gibt es noch viele weitere interessante Fakten. Eine umfassende Schilderung würde allerdings den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Einige unter euch wissen, dass ich momentan eine feste Zahnspange trage. Warum ich mir das Ganze antue, obwohl meine Zähne doch gerade waren?! Aufgrund meiner hartnäckigen Nackenverspannungen hatte ich immer wieder Kopfschmerzen und vor allem bei längeren Radausfahrten Schmerzen im Nacken. Nach umfassender Befundung und Funktionsanalyse konnten wir einige interessante Fakten herausfinden. Ich beschloss einen Eigenversuch zu starten und startete zunächst mit einer Schienentherapie zur Entlastung der Kaumuskulatur. Begleitend erfolgten einige manuelle Therapieeinheiten bei meinem Physiotherapeuten. Nach Abschluss der Vorbehandlung begann die Therapie mit einer festen Zahnspange. Mittlerweile habe ich bereits ein halbes Jahr geschafft und konnte schon einige Verbesserungen bemerken. Ich bin schon sehr gespannt auf das Endergebnis! Ende dieses Jahres ist es soweit.

Infrarotthermographie Füße

Infrarotthermographie Füße

Weitere Bereiche der Sportzahnmedizin wie beispielsweise eine falsche Ernährung, unzureichende Prophylaxe und das Vorhandensein leistungsmindernder Entzündungen können sich negativ auf die Leistungsfähigkeit auswirken.

Fazit

Wird der Körper als Gesamtsystem betrachtet und körperweite Zusammenhänge über die Grenzen der einzelnen medizinischen Fachbereiche erkannt, ergeben sich Lösungsmöglichkeiten für viele Beschwerden, die bisher nicht mit dem Zahnsystem in Verbindung gebracht wurden.

Über Sieg oder Niederlage entscheidet im Spitzensport weniger als 1 %. Im Leistungssport wird deshalb versucht an allen Stellschrauben zu drehen, um eine Leistungsoptimierung zu erzielen. Meiner Meinung nach bietet der Kauapparat mit seinen vielfältigen Auswirkungen auf den gesamten Körper ein großes Potenzial.

Schlagworte:
Über Laura Zimmermann

Laura ist die Frau, die man im Wettkampf nur von hinten sieht. Die Durchstarterin aus dem Allgäu gilt in ihrer Heimat als die größte Triathlon-Hoffnung bei den Frauen und sammelt neben ihrem Studium Podiumsplätze wie andere Leute Briefmarken. Bei TIME2TRI ist Laura mit vielen Tipps, Tricks und Einblicken rund um den Triathlon-Alltag mit an Bord.

Schreibe einen Kommentar


Nach oben