Wie selbstkritisch sollte ich sein? Bewerten mit Köpfchen


Nicht geschimpft ist genug gelobt – so lautet ein schwäbisches Sprichwort, das Bezug nimmt auf die Sparsamkeit im Loben. Komischerweise konnte ich keine Redewendung finden, die das sparsame Schimpfen lobpreist. Mit etwas Köpfchen analysieren wir heute deine Gedanken. Mach dich bereit!

So wenig wie nötig. Das rate ich gerne meinen Kunden, wenn sie mir aus ihrem Leben berichten und dabei sehr stark negativ bewerten. Dann höre ich Pauschalaussagen wie z.B. „Krisen sind etwas schlechtes“, „Mein Kunde ist ein Idiot“, „Arbeit ist mühsam“, „Man muss ja funktionieren“, „XY nervt mich.“ usw.

„Eigenlob ist Selbstmanipulation. Selbstkritik auch.“

Das Verhältnis darf jeder selbst wählen. Bewerte zu deinem Gunsten! Die meisten Bewertungsmuster übernehmen wir aus unserer Erziehung (in der wir lernen, was sich gehört), der Gesellschaft (von der wir erfahren, was normal ist), der Schule (in der wir lernen, was ist gut/schlecht ist) und unserem Umfeld (das dir widerspiegelt, wie bist du, d.h. wie gut du die Bewertungsmuster der anderen drei Bereiche verinnerlicht hast). Unreflektiert übernommene Bewertungen verursachen manchmal einen Widerspruch im Individuum. Wenn z.B. ein Stressgeplagter plötzlich nur noch von Idioten, Taugenichts und Irren umgeben ist oder wenn die selbsternannte Bleiente mal wieder zu Wasser geht.

„Hinterfrage ständig deine Bewertungen, um sicherzustellen, dass es deine eigenen sind.“

Vorgelebte Bewertungen geben einem Kollektiv eine gemeinsame Richtung, eine gemeinsame Glaubens- und Denkkultur. Es lohnt sich, diese zu hinterfragen, v.a. dann, wenn diese fremden Bewertungen gerade hinderlich für dich sind. Hier kommt eine Kurzanleitung, wie man sich unnötigen Groll vom Halse hält.

1. Analyse mit Köpfchen

Hör dir zu! Welche Situationen, Personen und Umstände bewertest du und was löst diese Bewertung in dir aus? Bringt dich die Bewertung weiter oder hemmt sie dich? Gib dir mehr von dem, was dir gut tut, und weniger von dem, was dir schadet. Klingt einfach, jedoch gelingt die Umsetzung nur Wenigen.

„Gib dir mehr von dem, was dir gut tut, und weniger von dem, was dir schadet.“

Neubewerten
Schreibe einen Tag lang deine Bewertungen auf. Klassifiziere sie farblich..

Beispiele aus dem Leben gegriffen:

  • Wenn du der Meinung bist, Menschen mit mehr Trainingsstunden und besserem Equipment als du sind per se schonmal schneller als du, frage dich: was kann ich von ihnen lernen? Welche ihrer Trainingselemente passen in meinen Alltag?
  • By the way: spürst du den Unterschied? Statt dich mit erklärbarer Hoffnungslosigkeit aufzugeben, geht dein Gehirn in lösungsorientiertes Lernen mit offenem Ende.
  • Wenn du der Meinung bist, dass Ausfallzeiten (Krankheit, Urlaub…) keine Trainingszeiten sind, dann frage dich: wie kann ich trotz der Umstände trainieren? Es gibt ja nicht nur körperliches Training.
  • Wenn du der Meinung bist, dein Wettkampfergebnis ist das Resultat aus dem Können deines Trainers und der Wertigkeit deines Equipments, dann frage dich: welchen Beitrag leistest du?
  • Wenn du der Meinung bist, Misserfolge (Sturz, Niederlage, Aufgeben…) sind schlecht, frage dich: was kann ich der Situation abgewinnen? Worin liegt der (versteckte) Gewinn?

2. Entwerte das Negative. Zutage tritt das Positive.

Ist erst einmal ein Gespür für subjektive Bewertungen entwickelt, freue ich mich als Coach besonders, Klienten in Schritt 2 zu überführen. Weg mit den hinderlichen Bewertungen! Alles, was dich nicht weiterbringt, kann entsorgt werden. Fang klein an und erlebe mal 30 Minuten ohne Bewertungen. Keine Angst, dein Leben wird nicht trostlos und nüchtern-sachlich. Im Gegenteil: das Negative wird wertlos, d.h. entmachtet, das Positive gestärkt.

Zwei Beispiele aus dem Leben:

  • Thema Wettkampfangst. Was konkret bereitet dir Angst? Welche Maßnahmen kannst du ergreifen, um die Angst im Vorfeld einzudämmen? Wofür trittst du beim Wettkampf an? Was müsste geschehen, damit du mit Freude an den Start gehst?
  • Thema Stress. Du hast Personalverantwortung? Als Teamleiter kann es dir passieren, dass du- weniger wirksame – Kollegen im Team hast. Bewertest du das Verhalten desjenigen – oder schlimmer noch: ihn als Mensch – jedes Mal, wenn ihm deiner Meinung nach ein Fehler unterläuft, abfällig, dann legst du dir selbst Steine in den Weg.

3. Wähle deinen Weg

Nun darfst du wählen, welche Bewertung Nährstoff für dein Gehirn bringt. Willst du Groll, Wut, Zorn, Ärger, Angst in dir nähren oder lieber Vorfreude, Freude, Hoffnung, Mut, Tatendrang und Entwicklungsgeist?

Über Astrid Ecke (sportsbirne)

Astrid hat ihre eigenen Triathlon-Disziplinen: Mountainbiken, Bergsteigen und Tennis. Als alpine Ausdauersportlerin hat die Mentaltrainerin schon so manche Extremsituation gemeistert. Bei TIME2TRI sorgt Astrid mit vielen Tipps und Tricks für Kopfarbeit und mentale Stärke - und Bestleistung, wenns drauf ankommt.

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