Die größte Herausforderung ist es, Athleten verletzungsfrei zu halten: Dan Lorang im Interview


Was haben Anne Haug, Jan Frodeno und Anja Knapp gemeinsam? Richtig. Sie alle sind Profi-Triathleten und lieben die Kombination aus Schwimmen, Radfahren und Laufen. Sie alle haben ihre Wurzeln in der Kurzdistanz. Vor allem aber haben sie eines gemeinsam: den gleichen Trainer. Dan Lorang.

Dan ist studierter Sportwissenschaftler und war von 2012 bis 2016 Bundestrainer der Deutschen Triathlon Union. Nach der erfolgreichen Saison von Jan Frodeno und Anne Haug auf der Langdistanz begleitet er nun Anja Knapp dabei, ihren großen Traum von Olympia Realität werden zu lassen. Doch worin unterscheidet sich eigentlich das Training auf der Kurzdistanz von dem auf der Langdistanz und was ist Dans Vorgehensweise? Wir haben mit ihm gesprochen.

Neben deinem Job als Trainer einer Profi-Radmannschaft: Wie viele Triathleten betreust du aktuell? Hast du noch freie Kapazitäten?

Neben den Radfahrern betreue ich noch 6 weitere Athleten. Damit habe ich auch keine weiteren Kapazitäten mehr, um Athleten aufzunehmen. Grundsätzlich kann man aber immer anfragen und ich helfe auch gerne dabei, einen guten Coach zu vermitteln.

„Ich habe mit meinen Athleten, über die Trainingsplattform, täglich Kontakt.“

Wie häufig hast du persönlichen Kontakt zu deinen Athleten und wie wichtig ist dieser für ein effektives und erfolgreiches Training?

Ich habe mit meinen Athleten über die Trainingsplattform täglich Kontakt. Telefonate führen wir dann, wenn es nötig ist oder einmal pro Woche. Ein gutes Feedback ist sehr wichtig, um das Training zielgerichtet und individuell steuern zu können. Das kann aber auch daraus resultieren, dass man seine Trainingseinheiten gut dokumentiert, dann noch Parameter wie Wohlbefinden, Schlaf, Anstrengungsgrad, Muskelzustand, etc. angibt und so auch ohne Telefonat einen guten Überblick über seine aktuelle Situation bietet. Prinzipiell können mich meine Athleten aber immer bei Bedarf anrufen.

Unterschiede Kurz- und Langdistanz: Wie unterscheiden sich die beiden Wettkampfformate – abgesehen von ihrer Distanz – in der wöchentlichen Trainingsbelastung?

Das hängt immer von der Ausgangssituation und dem Schwerpunkt ab. Grundsätzlich würde ich sagen, dass im Vergleich zur Kurzstrecke 1-2 Schwimmeinheiten wegfallen, und dafür diese durch Radfahren ersetzt werden. Die Gesamtbelastung bewegt sich in einem ähnlichen Umfang, vielleicht ca. 10-15% mehr. Der Unterschied ist eher die Intensität. Hier wird auf der Kurzstrecke sicherlich intensiver trainiert, als für die Langstrecke. In beiden Fällen kann man es wettkampfspezifisches Training nennen, aber die Wettkampfgeschwindigkeiten sind eben andere.

copyright: Petko Baier, DTU

Was würdest du selbst als deine absolute Stärke als Trainer beschreiben?

Meine Stärke ist, dass ich einen ganz klaren Plan habe wie wir (mit den Athleten und dem Betreuungsteam) unsere Ziele erreichen können. Dabei bleibe ich aber offen für Anregungen, Diskussionen und Vorschläge und kann mich selbst auch gut zurücknehmen. Diesen Plan versuche ich mit allen Beteiligten umzusetzen und dabei menschlich immer fair, korrekt und respektvoll miteinander umzugehen.

Um die Trainingsinhalte auf der Langdistanz machen viele Trainer ein Geheimnis, wollen ihre Tricks, Kniffe und Trainingsmethoden nicht verraten. Wie verhält sich das auf der Kurzdistanz? Wie viel Raum gibt es dort für Experimente und individuelle Trainingsansätze?

Im Bereich der Geheimniskrämerei ist der Triathlon nicht alleine, das findet man im Sport immer wieder. Es ist dort nicht anders als in der Wirtschaft, wo es auch Betriebsgeheimnisse gibt. Ich verurteile diese Menschen nicht, sondern respektiere es. Selbst handhabe ich das etwas anders und tausche mich schon sehr gerne mit Kollegen aus. Ich kann aber vom Kollegen nichts erwarten, dass er mir was „verrät“ wenn ich nicht auch selber bereit bin, was von meinem Know-how preis zu geben.

„Selbst handhabe ich das etwas anders und tausche mich schon sehr gerne mit Kollegen aus.“

Welche Herausforderungen gibt es aus Sicht eines Trainers insbesondere beim Kurzdistanz-Training?

Die große Herausforderung ist es die Athleten verletzungsfrei zu halten. Die hohen Intensitäten gepaart mit ordentlichen Umfängen zerren an den Strukturen und da kommt es gerne mal zu Überlastungserscheinungen. Hier die richtige Mischung im Training zwischen Be- und Entlastung zu finden ist nicht einfach.

#longreefitweek #playitasresort
copyright: Isaak Papadopoulos

Rückblickend auf die Saison deiner Schützlinge – wie zufrieden bist du mit den Ergebnissen? Was lief gut, was wirst du in der nächsten Saison anders machen?

Mit einigen Leistungsentwicklungen bin ich sehr zufrieden. Leider sind die gewonnen Leistungen dann wieder durch Ausfallzeiten, welche durch Verletzungen bedingt waren, zurückgegangen. Hier werden meine Athleten und wir im Betreuerteam für die kommende Saison ein größeres Augenmerk drauflegen müssen. Der Schlüssel zum Erfolg ist Konstanz im Trainingsprozess und das muss das Ziel sein.

„Der Schlüssel zum Erfolg ist Konstanz im Trainingsprozess und das muss das Ziel sein.“

Triffst du deine Athleten zu bestimmten Trainingseinheiten bzw. begleitest du deine Athleten auf ihren Haupt-Wettkämpfen oder findet deine Betreuung vorwiegend „online“ statt?

Die Betreuung findet fast ausschließlich online statt. Dieses Jahr war ich bei zwei Hauptwettkämpfen vor Ort (Frankfurt und Hawaii) mehr ist aufgrund meiner Haupttätigkeit beim Radteam nicht möglich. Ich muss aber auch betonen, dass ich meinem Arbeitgeber sehr dankbar bin, dass er mir diese Freiheiten neben dem Hauptjob lässt. Das weiß ich wirklich sehr zu schätzen.

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copyright: Christian Siedler für Pushing Limits

Athleten werden immer schneller, die zeitlichen Abstände in der Spitze immer geringer. Es werden Ergebnisse erzielt, die schneller sind als alles bisher dagewesene. Wie erklärst du dir diese Leistungssteigerung der Athleten?

Es wird mittlerweile in vielen Ländern deutlich mehr sportwissenschaftlich gearbeitet, so dass die Trainingsmethodik verfeinert werden kann. Auch Themen wie zum Beispiel Höhentraining werden nochmals gezielter angewendet, um den maximalen Leistungszuwachs zu erzielen. Früher hat das Training ausschließlich auf Erfahrungswerten beruht. Jetzt wird die Kombination von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Erfahrungen genutzt um Individueller mit den Athleten zu arbeiten und so auch eine höhere Leistungsfähigkeit zu erreichen. Sicherlich hat auch die Technologie ihren Anteil daran, sei es über Tools die zur Trainingsteuerung genutzt werden können, Ernährung oder Material.

Für die Profis auf der Kurzdistanz steht mit Tokyo 2020 ein großes Ziel vor der Tür, Ende Oktober werden die Qualifikationskriterien veröffentlicht. losgelöst von den offiziellen Kriterien – was muss ein Athlet deiner Meinung nach mitbringen, um auf der Kurzdistanz ganz vorne mitspielen zu können?

  • Maximale Entschlossenheit diesen Weg gehen zu wollen, ohne große Kompromisse
  • Ein professionelles Umfeld in dem er sich wohlfühlt
  • Hohe Belastbarkeit (physisch und mental)
  • Unter Anderem eine hohe maximale Sauerstoffaufnahme

Welche Rolle spielt das Alter eines Athleten auf der Kurzdistanz, verglichen auf der Langdistanz?

Man kann sagen, dass in der Regel die erfolgreichen Athleten auf der Kurzstrecke jünger sind, als die Sieger auf der Langstrecke. Auf der Kurzstrecke ist zum Beispiel eine hohe VO2max von großer Bedeutung, welche im Alter natürlicherweise abnimmt. Auch ist der Bewegungsapparat im Alter von 23-30 Jahren in der Regel belastbarer, als das bei älteren Athleten der Fall ist.

„Auf der Kurzstrecke ist zum Beispiel eine hohe VO2max von großer Bedeutung, welche im Alter natürlicherweise abnimmt.“

Auf der Kurzdistanz zählt vor allem eines: Schnelligkeit. Welche sind deine 3 Top-Tipps, wenn man an seiner Geschwindigkeit arbeiten möchte?

1. viel mit kurzen Intervallen beim Schwimmen, Rad und Laufen arbeiten
2. am Anfang der Saison den Fokus auf die Schnelligkeit und Bewegungsqualität legen und diese Einheiten in frischem Zustand machen
3. ein schnellkräftiges Athletiktraining, um den Körper auf die hohen Belastungsspitzen adäquat vorzubereiten

Hast du die internationale Konkurrenz für Tokyo im Blick? Wie stark sind aktuell die anderen Nationen, verglichen zu den deutschen Kurzdistanz-Athleten?

Ich beobachte die Konkurrenz nur am Rande, aber sehe schon wie viele Nationen aufgeholt haben und durch gute Arbeit immer wieder leistungsfähige Athleten hervorbringen. Genau das muss auch in Deutschland passieren. Das System ist simpel: Athlete centered, coach driven, performance oriented. Wenn das gelebt wird, dann ist der Erfolg nur eine Frage der Zeit. Wenn persönliche Interessen, welche nicht die des Athleten sind, im Vordergrund stehen, dann wird es nicht klappen.

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copyright: Christian Siedler für Pushing Limits

Wo siehst du persönlich den Triathlon in Deutschland in 5 und in 10 Jahren?

Ich denke, dass die Entwicklung auf der Langsdistanz weiter auf einem sehr hohen Niveau sein wird und es in den nächsten 10 Jahren sowohl bei den Männern, als auch bei den Frauen immer wieder einen potenziellen Hawaii-Sieger geben wird. Auf der olympischen Distanz ist die Prognose schwierig, aber sofern man es hier schafft stabile, moderne und professionelle Strukturen zu schaffen, dann wird Deutschland auch hier in den kommen 10 Jahren wieder konkurrenzfähig werden. Im Breitensport wird der Triathlon weiter boomen und viele Leute für den Sport begeistern. Ich hoffe nur, dass die Vermarktung die Schraube nicht überdreht.

Über Stephanie Päthe

Steffie ist die Frau für schöne Dinge. Weil sie gutes Design und das Besondere liebt, gestaltete sie ihren Trainingsplan bis zur Geburt von TIME2TRI mangels gefallender Trainingssoftware noch kreativ per Hand. Steffie macht Sport nicht nur aus Spaß an der Bewegung sondern auch, weil sie Herausforderungen liebt. Apropos: Unsere Kreative liebt das Abhaken von To-Do-Listen und gesundes Essen - ihre Schwachstelle ist allerdings der Ritter Sport-Fabrikverkauf...

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