Aller Anfang ist schwer – IRONMAN 70.3 Profi-Debut in Rapperswill


Am vergangenen Sonntag stand für Neu-Profi Sabrina Stadelmann ihr erster IRONMAN 70.3 in Rapperswill vor Heim-Publikum statt. Sabrina erwartete vor allen Dingen ein lehrreicher Tag nach dem Zieleinlauf als 10. Profi Frau in 04:46:19. Für TIME2TRI hat sie einen Rückblick auf das Rennen verfasst.

Überraschungen am Renntag

7:20 Uhr Überraschung: Ich wurde zwar „vorgewarnt“, dass in der Rennwoche meines IRONMAN 70.3 Pro-Debut beim Heimrennen in Rapperswil noch einige Überraschungen auf mich zukämen, doch eine hat alle Erwartungen übertroffen: der vor Ort – Support meiner Liebsten. Gerechnet hatte ich mit meinem Trainer, meiner Trainingspartnerin, meiner Schwester und meinem Freund. Als ich mit meiner Einrichtung der Wechselzone fertig war, standen überraschenderweise noch meine Mutter und ihr Partner beim Exit. Anschliessend kam auch mein Vater noch dazu.

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7:35 Uhr Warm up: Noch 10 Minuten bis zum Einstellen beim Schwimmstart und 27 Minuten bis zum Startschuss. Jetzt wieder voller Fokus aufs Rennen. Das Wasser hat 20.9 Grad und somit ist es ein Neoprenrennen. Dennoch entscheide ich mich für ein Aufwärmen an Land mit Zugseil, da wir schon relativ früh aus dem Wasser geschickt werden, um uns für den Schwimmstart einzureihen. Ich schaue mir nochmal den Schwimmkurs mit meiner Trainingspartnerin an und überlege mir genau, wie ich das Rennen am besten taktisch angehe. Unter den 16 Profifrauen sind einige starke Schwimmerinnen dabei, die Variation der Schwimmstärken scheint gross zu sein. Ich habe mich mental schon mal auf ein Einzelschwimmen irgendwo mittendrin eingestellt. Jetzt Arme warm machen: mein Trainer Jo Spindler hält das Gitter fest, an dem ich mein Zugseil spanne und ich drücke einige Male das Seil nach hinten – erst beidseitig und dann noch einzeln, bis die Trizeps richtig warm werden.

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7:57 Uhr Startschuss: Beim Start komme ich gut weg. Dies ist nun ein Vorteil der Profilizenz: Es ist deutlich angenehmer, in einem so kleinen Feld zu starten und trotzdem kann man den Überblick über die Konkurrenz behalten (nicht wie beim Rolling Start). Nach ca. 200m muss ich die vorderen Schwimmer jedoch abreissen lassen und mein eigenes Tempo schwimmen. Auf einmal fühle ich mich ganz allein im offenen Gewässer, als hätte ich mich verschwommen. Spüre auch keine Hände an meinen Füssen. Gross verschwimmen konnte man sich bei dem simplen Schwimmkurs eigentlich nicht. Auch beim Wendepunkt um die Bojen kein Gerangel. Zum Glück habe ich mich mental auf diese Situation vorbereitet, aber dennoch ist es ein ungewohntes Gefühl. Beim Swim Exit höre ich, wie der Speaker „6th pro woman out of the water“ ruft. Also etwa im Mittelfeld geschwommen. Alles gut. An Land steigt der Puls immer etwas an, aber darauf war ich auch vorbereitet. Dennoch war mir beim ersten Wechsel schon etwas schwindelig. Ob ich zu wenig getrunken habe vor dem Rennen? Zu wenig gegessen? Schnell versuche ich diese negativen Gedanken zu verdrängen und sage mir, dass auf dem Rad alles besser werden wird.

Der Rennverlauf und der Kampf zwischen Kopf & Körper

In der Wechselzone höre ich schon, dass die nächsten Pro-Frauen aus dem Wasser steigen. Ich steige aufs Rad und versuche, meinen Rhythmus in der ersten 10km flachen Passage der coupierten Radstrecke zu finden.

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Die Pacingvorgaben habe ich im Kopf und die Beine sollen diese nun umsetzen. Irgendwie merke ich aber, dass ich nicht 100% da bin und es mir immer noch ein bisschen schwindelig ist. Ich werde von zwei Pro-Frauen überholt und denke mir, dass ich dann meine Stärke bei den Anstiegen ausspielen kann. Beim Witches Hill merke ich aber auch, wie ich mich immer mehr verkrampfe. Der Kopf gibt die Anweisung zu drücken, aber die Beine wollen heute nicht kooperieren und machen zu. Ich versuche es entspannter zu sehen und denke mir, dass der Tag noch lang ist. Gleichzeitig will ich auch nicht zu sehr abreißen lassen, da diese Zeit ja irgendwann wieder aufgeholt werden muss. Als ich nach dem langen Anstieg noch zwei weitere Pro-Frauen davonfahren lassen muss, ist die „Entspannung“ nun sichtlich vorbei. Ich versuche krampfhaft, weiter zu treten und muss einsehen, dass die Beine einfach nicht hören wollen. Ich rege mich auf, dass ich genau heute, bei meinem Heimrennen mit meiner Familie, meinen Freunden und meinem Trainer an der Strecke einen solchen Tag erwische.

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Beim Wendepunkt nach 45km höre ich bekannte Stimmen an der Strecke und schrei ihnen zu, dass es mir nicht gut geht und ich am liebsten aufhören würde. Aber ich fahre weiter und sehe, wie die Strecke sich gefüllt hat. Mittlerweile sind viele Amateurathleten auf ihrer ersten Runde. Auf einmal sehe ich wieder etwas Licht am Ende meines selbst gegrabenen Tunnels und bin motiviert, anzugreifen und zu überholen. All meine Supporter sind nicht am Sonntagmorgen so früh aufgestanden für einen DNF. Mit einer positiveren Einstellung öffnen sich auch die Beine wieder etwas. Es ist kein guter Tag für mich, aber ich verspreche mir, das Beste aus diesem Tag rauszuholen.

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Aufgeben ist keine Option – be your best in every situation

An einem guten Tag kann jeder ein gutes Rennen zeigen. Ich übe jetzt, mit einem schlechten Tag umzugehen. Aufgeben ist keine Option. Nun geht es ans Laufen – meine größte Stärke. Laufschuhe anziehen, ein Isogel einpacken, das zweite nehme ich in die Hand. Den Halbmarathon werde ich nicht nach Pace sondern nach Gefühl laufen. Ich höre Stimmen vom Seitenrand mit den Zeitabständen nach vorne. Das Laufen fühlt sich auch schon besser an, aber ich habe mir vorgenommen, das Beste draus zu machen und bin auf Aufholjagd. Der zugerufene Zeitabstand wird immer geringer nach vorne, bis ich auf der zweiten Runde plötzlich „6 Minuten!“ zugerufen bekomme.

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Ich bin verunsichert: bin ich so eingebrochen oder was ist passiert? Habe ich mich vielleicht auch verhört? Egal – nicht hinterfragen und das Rennen zu Ende laufen. (Anmerkung: später hat sich dann herausgestellt, dass einige Athetinnen aufgegeben haben.)

Das Ziel war das Ziel

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Die Poster auf der Strecke mit „Hopp, Sabrina!“, die vielen Zurufe vom Streckenrand und die Verwechslungen mit Daniela (Ryf) motivieren mich (muss wohl am ähnlichen Renndress gelegen haben :-) ). Im Zielbereich erwartet mich dann ein krönender Abschluss: meine Supporter stehen alle schon bereit, um mich im Ziel zu empfangen. Bei so einem schönen Empfang hat sich das Kämpfen schlussendlich mehr als gelohnt.

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Das Erreichen der Ziellinie war gestern das Ziel beim IRONMAN 70.3 in Rapperwill – dieses Ziel habe ich erreicht. Ich nehme zudem einen großen Berg Erfahrungen und meinen persönlichen Lernprozess mit, wie man mit einem „solchen Tag“ umgeht. Es kann nicht immer so laufen, wie geplant, die erste Saison ist dafür da, genau diese Erfahrungen zu sammeln und Routine zu entwickeln. Meine Saison ist noch lange und auch mit dem Rennen in Rapperswil habe ich noch eine Rechnung offen in der Zukunft.

Wir sehen uns an der nächsten Startlinie!

Eure Sabrina

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Über Stephanie Päthe

Steffie ist die Frau für schöne Dinge. Weil sie gutes Design und das Besondere liebt, gestaltete sie ihren Trainingsplan bis zur Geburt von TIME2TRI mangels gefallender Trainingssoftware noch kreativ per Hand. Steffie macht Sport nicht nur aus Spaß an der Bewegung sondern auch, weil sie Herausforderungen liebt. Apropos: Unsere Kreative liebt das Abhaken von To-Do-Listen und gesundes Essen - ihre Schwachstelle ist allerdings der Ritter Sport-Fabrikverkauf...

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