Wann ist ein Coach ein Coach? Dennis Sandig im Interview


Dennis Sandig arbeitet bei der Deutschen Triathlon Union als Wissenschaftskoordinator und Referent für Bildung. In seiner Rolle ist er zuständig für das umfassende Aus- und Fortbildungsprogramm für Coaches im Triathlon und bietet in diesem Jahr eine Ausbildung für Trainer A Langdistanz an – eine Ausbildung, die nur alle 4 Jahre angeboten wird. Wir haben uns mit Dennis über die Triathlon-Trainerausbildung in Deutschland im Allgemeinen sowie das Ausbildungsprogramm der DTU unterhalten.

Wer kann in Deutschland als Triathlon-Coach arbeiten und welche Ausbildung ist hierfür notwendig?

Der Begriff „Triathlon Trainer“ oder „Triathlon Coach“ ist nicht geschützt. Rein theoretisch kann sich also jeder einfach so nennen, ohne, dass er einen bestimmten Qualifikationsnachweis erbringen muss. Genau an der Stelle sehen wir uns als wichtige Anlaufstelle, um allen Triathlon-Begeisterten eine Hilfestellung zu geben, um einen gut ausgebildeten Trainer zu finden. Gerade für Einsteiger sind deshalb die Vereine sehr gute Ansprechpartner.

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Wie ist das Ausbildungs-Programm der DTU aufgebaut?

Die Trainerausbildung der DTU wird mit einer DOSB-Trainerlizenz abgeschlossen. Das bedeutet, dass unsere Ausbildungskonzeptionen vom DOSB genehmigt sind und wir als Spitzenverband garantieren, dass die Trainerinnen und Trainer sich dem lebenslangen Lernen verpflichtet sehen und über regelmäßige Fortbildungen ihr Wissen auffrischen und weiter vertiefen. Bei der DTU startet die Trainerausbildung in den Landesverbänden. Dort wird die Trainer C Ausbildung angeboten, die Prüfung abgenommen und auch die Fortbildung organisiert. Ab der Trainer B Lizenz sind die Ausbildungen dann bei der DTU verortet. Die Trainer A Ausbildung bildet schließlich die höchste Lizenzstufe. Nur im Bereich der Spitzentrainer im Olympischen Triathlon gibt es mit der Diplom-Trainerausbildung in Zusammenarbeit mit der Trainerakademie des DOSB noch eine höhere Qualifikationsstufe.

Was unterscheidet die Ausbildung bei der DTU zu anderen Ausbildungen, z.B. bei Online-Akademien?

Trainerinnen und Trainer arbeiten in der Praxis! Sie stehen am Beckenrand, auf der Laufbahn oder sind mit Ihren Sportlerinnen und Sportlern gemeinsam auf dem Rad unterwegs. Wie man Bewegungslernen und das Vermitteln von triathlon-spezifischen Inhalten alleine auf einer Online-Ausbildung basierend vermitteln kann, erschließt sich mir nicht. Gerade im Triathlon Training ist ein wichtiger Bestandteil des Trainings die „Kommunikation“ – also der Austausch zwischen den Trainierenden und den Trainerinnen und Trainern. Wir kombinieren bei uns in der Ausbildung Präsenzphasen mit den Vorteilen von Online-Inhalten und setzen auch in der Fortbildung zum Teil auf Online-Angebote.

„wir alle brennen für den Triathlon, Ausbildung ist bei uns kein Geschäftsmodell sondern eine Herzensangelegenheit“

In einem Video kann ich Fehlerbilder zeigen – in der Praxis muss ich aber sehen, wie der Trainer dann versucht mit dem Sportler Bewegungskorrekturen zu erarbeiten. Uns liegt es am Herzen, in der Praxis zu zeigen, was den Triathlon-Sport ausmacht und zudem Expertinnen und Experten zum Austausch einzuladen. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer loben zudem den „Netzwerkgedanken“. Denn neben dem „formalen“ Lernen ist immer auch der Austausch in den Pausen oder nach dem Abendessen für alle sehr gewinnbringend. Die DTU ist ja kein Raumschiff, das im Orbit kreist, sondern letztendlich bestehen wir aus unseren Mitgliedern – und da kann ich nur immer wieder feststellen: Wir brennen alle für Triathlon und die Ausbildung ist bei uns eben kein Geschäftsmodell, sondern eine Herzensangelegenheit.

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An wen richtet sich die Ausbildung zum Trainer A Langdistanz / wer kann daran teilnehmen?

Wer sich zur Trainer A Lizenz anmelden möchte, muss vorher eine Trainer B Lizenz abgeschlossen haben. Das gilt selbst für studierte Sportwissenschaftler, denn ein „Studienabschluss“ macht noch lange keinen guten Trainer. Voraussetzung ist zudem die Mitgliedschaft in einem Verein, der der DTU angeschlossen ist. Inhaltlich bearbeiten wir das Triathlon-Training mit dem Ziel, auf der Langdistanz eine Zielzeit von unter 10 Stunden zu erreichen.

Warum findet die Ausbildung Trainer A Langdistanz nur alle 4 Jahre statt?

Das ist ein bisschen wie bei einer Pyramide: die C-Trainer bilden die wichtige Basis: Wir haben in Deutschland über 1500 Triathlon Trainer mit einer C Lizenz. Die Trainer A bilden dann die Spitze der Pyramide mit „nur“ rund 150 Lizenzen. Vergleichbar ist dies mit dem Studium: nicht jeder, der einen Bachelor erworben hat, kann oder mag auch einen Master abschließen.

„unser Ziel ist es, Spitzentrainer auszubilden“

Warum ein eigener Trainerschein nur für die Langdistanz – gibt es tatsächlich so große Unterschiede bei der Betreuung der Athleten?

Das ist eine sehr spannende Frage. Training basiert ja auf dem ersten Blick erst einmal auf den biologischen „Grundregeln“ der menschlichen Physiologie. Da könnte man tatsächlich meinen, dass es zwischen den beiden Ausbildungen nur marginale Unterschiede gibt. Schaut man allerdings in die Tiefe des Triathlons, muss man beiden Bereichen enorme Veränderungen und Entwicklungen bescheinigen. Im Olympischen Triathlon hat die Einführung des Team Relays und der Sprintdistanz in der WTS eine unglaubliche Dynamik in den Sport gebracht. Auf der Langdistanz hingegen zeigen die letzten Jahren eine Spitze, die über das Jahr betrachtet sehr eng zusammengerückt ist. Wenn man sieht, mit welchem Aufwand minimale Verbesserungen im Bereich Aerodynamik, Regeneration oder auch im Hinblick auf Ernährung und Flüssigkeits-/Salzhaushalt gesucht werden, muss man eindeutig feststellen, dass die beiden Ausbildungsgänge eine Notwendigkeit sind, wenn man jeweils Spitzentrainer ausbilden möchte – und genau das ist unser Ziel.

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Worauf können sich die Teilnehmer während der Ausbildung freuen / welche Inhalte warten auf sie?

Wir versuchen, immer eine Mischung aus Experten und auch Praktikern für die Ausbildung zu gewinnen. Für den aktuellen Lehrgang möchte ich auf jeden Fall wieder Top-Referenten verpflichten. Da wird es hoffentlich die eine oder andere Überraschung geben. Da gibt es selbst bei vermeintlich bekannten Themen wie der „Athletik“ immer wieder neue Schwerpunkte, die man inhaltlich setzen kann. Wir werden ganz sicher das Thema „Aerodynamik“ aber auch das Arbeiten mit Online-Trainingsplattformen und dem „Datenmanagement“ aufgreifen, weil das Themen sind, denen man sich als moderner Trainer einfach nicht verschließen kann.

 

„Online-Trainingsplattformen und Datenmanagement sind Themen, denen man sich als moderner Trainer nicht verschließen kann“

Welches ist die größte Herausforderung bei der Ausbildung neuer Coaches?

Das Internet ist für Trainer zu einer Stolperfalle geworden. Gerade bei den Themen Training und Ernährung wird andauernd eine „neue Sau durchs Dorf getrieben“ – ganz oft leider ohne, dass die „Marktschreier“ mal intensiv die Evidenzlage der Sportwissenschaft bemühen. Gerade beim Thema „Langdistanz“ kann ich Sprüche wie „Qualität vor Quantität“ einfach nicht mehr hören. Entweder wird dann „Qualität“ ganz einfach mit „Intensität“ gleichgesetzt, was falsch ist. Oder man propagiert eine vollkommen neue „Trainingsformel“ mit 80/20, Tabata und sonstigen Auswüchsen der Fitness-Industrie. Ich frage mich, warum berufstätige Triathleten in der wenigen Zeit, die sie zur Verfügung haben, nur noch ballern sollen. Da werden Schlagworte wie „Polarisiertes Training“, die aus einem ganz anderen Setting kommen, vogelwild auf die Langdistanz übertragen. Wer meint, dass ein gutes Training daraus besteht, seine Sportler einfach „müde“ zu machen, hat sicher nicht verstanden, was ein an langfristiger Entwicklung orientierter Trainingsumfang ist. Es geht im Langdistanz-Training nicht um Animation durch Intervalle. Die große Herausforderung besteht dadrin, alle Trainer dort abzuholen, wo sie aktuell stehen, die vielen verschiedenen Methoden und Wege zur Langdistanz zu sortieren und zu zeigen, dass im Mittelpunkt der Sportler oder die Sportlerin mit ihrer bisherigen sportlichen Vorerfahrung stehen. Wenn wir mit dem Wertvollsten arbeiten, was ein Mensch besitzt – der Freizeit und der Gesundheit, müssen wir auch garantieren, dass wir sorgfältig damit umgehen.

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Wie können Athleten den richtigen Coach finden?

Wir arbeiten derzeit intensiv an einem Service-Paket für Trainer, mit dem diese nach außen hin zeigen können, dass sie eine Ausbildung bei uns abgeschlossen haben. Dazu gibt es verschiedene Ideen, die wir im Laufe des Jahres umsetzen werden. Die DTU-Akademie wird dabei als Garant für die Qualität der Ausbildung stehen und wir wollen, dass leicht zu erkennen ist, dass Trainerinnen und Trainer eine Qualifizierung bei uns erreicht haben.

“ Wenn wir mit dem Wertvollsten arbeiten, was ein Mensch besitzt – der Freizeit und der Gesundheit, müssen wir auch garantieren, dass wir sorgfältig damit umgehen.“

„Wann ist ein Coach ein Coach?“ – was gehört für dich neben einer fundierten Ausbildung zum Gesamtpaket „Coach“ dazu?

Diese Frage gefällt mir deshalb so gut, weil wir 2017 auf einer Trainer-Konferenz genau über einen „Shift“ vom Trainer zum Coach diskutiert haben. Neben dem Thema Biologie gibt es eben viele andere Faktoren, die wir nicht vergessen dürfen. Und da kommen wir jetzt wirklich zur Trainingsqualität: es geht eben auch um pädagogische und psychologische Aspekte. Ein Spitzentrainer kann kommunizieren und seine Sportlerinnen und Sportler mitnehmen auf die große Reise zur Leistungsentwicklung und unterstützt eben auch bei der Persönlichkeitsentwicklung. Es kann nicht sein, dass ein Trainer nur mit Zahlen balanciert – und genauso wenig muss der Trainer direkt im Ziel seinem erfolgreichen Athleten um den Hals fallen. Wer gewinnt, ist niemals alleine – der Trainer muss aber denjenigen, die ihre Ziele nicht erreichen konnten, zur Seite stehen und sie wieder aufbauen. Genau deshalb liebe ich meinen Job so sehr: es geht um Wissensvermittlung auf der einen und Kompetenzvermittlung auf der anderen Seite. Wenn wir da eine gute Arbeit machen, dann werden wir es schaffen, dem Triathlon noch viele Jahre neue Impulse zu geben.

Über Stephanie Päthe

Steffie ist die Frau für schöne Dinge. Weil sie gutes Design und das Besondere liebt, gestaltete sie ihren Trainingsplan bis zur Geburt von TIME2TRI mangels gefallender Trainingssoftware noch kreativ per Hand. Steffie macht Sport nicht nur aus Spaß an der Bewegung sondern auch, weil sie Herausforderungen liebt. Apropos: Unsere Kreative liebt das Abhaken von To-Do-Listen und gesundes Essen - ihre Schwachstelle ist allerdings der Ritter Sport-Fabrikverkauf...

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