Was macht einen guten Trainer aus? Ein Versuch, ohne Anspruch auf Vollständigkeit


Wer braucht eigentlich schon einen Trainer? Es gibt doch 100.000 Anleitungen im Netz und 1001 Patentrezepte von Tri-Mag und Co. Wenn ich nur jeder Sau, die durchs Dorf gescheucht wird, hinter her springe, dann wird die nächste Wettkampfsaison bestimmt ein voller Erfolg. Ebenso hartnäckig wie fatal sind die unzähligen Trainingsweisheiten, die unter uns Triathleten kursieren. Training mit Paddles steigert die Kraft. Viel hilft viel. Triathleten brauchen die Beine beim Schwimmen nicht. Bis Mai wird kein Wiegetritt gefahren. Die Liste der Irrtümer und Luftschlösser des Trainings ließe sich beliebig verlängern und mit einem Zug durch die Triathlongemeinde ganz sicher auch mit einem feinen Lokalkolorit versehen.


Dies ist mein Eindruck aus mehreren Jahren im Triathlon. Ich habe nun gemäkelt und bin eine Antwort auf meine Eingangsfrage schuldig geblieben.

Wer braucht eigentlich schon einen Trainer? Es gibt doch 100.000 Anleitungen im Netz und 1001 Patentrezepte von Tri-Mag und Co.

Der gute Trainer wird mit dir zunächst ein ausführliches Gespräch führen, in dem ihr eure Vorstellungen einer Zusammenarbeit abgleicht. Darauf folgt die eingehende Auseinandersetzung mit dir als Person und Sportler. Wo liegen deine Stärken und Schwächen? Was hast du bisher an Sport getrieben (kurzfristig: 5-20 Wochen; langfristig: deine Sportbiographie)? Hier kommt der Trainingsdokumentation eine wichtige Rolle zu, je detaillierter deine Auskunft ist desto besser. Welche Rahmenbedingungen bringst du mit (Familie, Beruf, Zeitbudget, Verletzungen, Trainingstätten, u.v.m.)?
Ist das geschehen, dann könnt ihr euch auf die Suche nach sportlichen Zielen/ Visionen begeben (z.B. Hawaiiteilnahme 2020, Verbesserung der Bestzeit auf 10 000m). Das Ziel kann hier als konkretes Ziel für die kommende Saison gelten. Die Vision (Entwicklungsperspektive) dagegen darf ein langfristiges Traumziel sein, vom dem ein großer Reiz für dich ausgeht.

Nun sollte eine umfassende Bestandsaufnahme deiner individuellen Leistungsfähigkeit erfolgen. Dies kann über Bestzeiten erfolgen – z.B. über die Analyse vergangener Wettkämpfe – sollte aber auch die genaue Beobachtung von dir beim Sporttreiben beinhalten (Stichworte: Schwimmtechnik, Lauftechnik / -stil, Radtechnik und / -position, Krafttraining).
Dann sollte der Prozess der Leistungsdiagnostik angestoßen werden. Einmal pro Jahr sollte sich jeder Sportler eine Sportmedizinischen Untersuchung gönnen, da hier wirklich gefährliche Krankheiten für uns Sportler ausgeschlossen werden. Diese Untersuchung wird im Normalfall von der Krankenkasse übernommen. Darüber hinaus ist es in diesem Zuge möglich die ventilatorischen Schwellenwerte zu erfragen und auch eine Laktatdiagnostik durchführen zu lassen. (Olympiastützpunkte bieten diesen Service häufig in Zusammenarbeit mit der sportmedizinischen Abteilung einer Universität an. Es gibt aber auch private Institute, die sich auf Leistungsdiagnostik spezialisiert haben z.B. training&diagnostics in Zürich.)

Diese Daten bilden die Basis für die erste Zeit der Zusammenarbeit, müssen aber regelmäßig (nach jedem längeren Trainingsblock – Prozessdiagnostik!) in Feld- oder Labortests erneut erhoben werden, denn nur so kann eine individuelle und seriöse Anpassung des Planes erfolgen. Die hier aufgeführten Tests bilden das Standardrepertoire und sind mit steigendem Level an Professionalität und Anspruch an die Testung erweiterbar (HF-Variabilität, Feldtests mit dem Wattmessgerät, Krafttests, Ck-Test u.a.m.). Wichtig ist es, die richtigen Fragen zu stellen und nicht wahllos zu testen.

Gefühl vs. Testdaten – Nein, meine Antwort lautet Gefühl und Daten oder Gefühl durch Daten! „Wenn du dich auf dein Gefühl verlassen kannst, warum werden dann 50% der Ehen geschieden?“ Training ist und bleibt eine subjektive Angelegenheit, die sich nicht im Labor konstruieren lässt. Jeder, der sich schon ein mal auf einen Wettkampfvorbereitet hat, der wird dies bestätigen können. Gerade weil es so subjektiv empfunden wird und individuell gestaltet werden muss, ist es sinnvoll die möglichen Parameter zu nutzen, um dem Wissen über die Individualität Tribut zu zollen. An dieser Stelle sind die Erfahrung und das Wissen eines Trainers gefragt, der einerseits die Wissenschaft im Blick haben sollte und andererseits die Draufsicht auf das Tun des Sportlers hat.

Gefühl vs. Testdaten – Nein, meine Antwort lautet Gefühl und Daten oder Gefühl durch Daten!

Die Involviertheit des Sportlers lässt diese Sicht nicht zu, so dass dem Trainer hier die Funktion des Korrektivs zukommt. Es kommt auf seine sensible Wahrnehmung des Athleten an. Natürlich setzt so etwas ein hohes Maß an Vertrauen voraus. Erfolgreiches Training ist eben ein Prozess über mehrere Jahre.
Kurz gefasst möchte ich behaupten: Je besser ein Trainer seinen Athleten kennt, umso erfolgsversprechender ist die Zusammenarbeit.


Exkurs: Nicht alle Trainer vertrauen der Sportwissenschaft

Es gibt Trainer, die auf all diese Tools verzichten und sogar bewusst gegen sportwissenschaftliche Erkenntnisse anschreiben. Im Fußball ist Felix Magath der bekannteste dieser Trainer, der mal behauptete er sehe seinen Spielern das Laktat an der Nase an. Der Name Quälix war die Folge von unkontrolliert hartem Training. Unter den Triathlontrainern ist es Brett Sutton, der sich teilweise sehr erfolgreich aller Diagnostiktools entzieht. Caroline Steffen sagte über ihn und seine Arbeit, noch während sie in seiner Trainingsgruppe war, er werfe 12 Eier gegen die Wand und sei froh, wenn eines kleben bleibe.


Jetzt erst kann die Trainingsplanung beginnen: Alle gewonnenen Informationen kommen nun zum Einsatz. Der Trainingsplan muss auf dich abgestimmt sein und zwar in allen oben genannten Facetten.

Der gute Trainer wird dich auch bei deiner Wettkampfplanung beraten. Weniger ist hier oftmals mehr. Inflationär viele Wettkämpfe führen dazu, dass dir die Leistungsspitzen genommen werden. Noch dazu benötigt ein seriös vorbereitetes Rennen Zeit im Training, Zeit in der Regeneration und Zeit im Kopf.

Die schlechte Botschaft lautet: ein Betreuung, so wie ich sie beschrieben habe, ist umfangreich, zeitintensiv und anspruchsvoll, sodass ein Trainer, der die genannten Anforderungen erfüllt nur wenige Athleten betreuen kann. Und andersherum, ein solches Training wird in seiner Fülle den professionellen Sportlern vorbehalten bleiben. Wie können nun also die meisten, die sogenannten Agegrouper, von dem vorhandenen Wissen möglichst sinnvoll profitieren?

Die sportliche Höherentwicklung
Die sportliche Höherentwicklung

Die meisten trainieren irgendwie. Die wenigsten trainieren gezielt, obwohl sie das Hobby mit großer Freude betreiben, aber die Zeit knapp ist. Das Ergebnis ist erfolgloses Training, weil die Performance nicht den Vorstellungen entspricht. Leistungsdiagnostik und Trainingsberatung ermöglichen es, das Training so effektiv wie möglich zu gestalten. Welche Belastung benötigt welche Erholungszeit? Wann verbrenne ich am meisten Fett? Und wie mache ich den größtmöglichen Fortschritt? Eine Begleitung und Beratung in diesen Punkten gepaart mit einem Rahmentrainingsplan ist die Lösung. Beim sogenannten Re-Test nach 6-10 Wochen kann dann anhand des Trainingsprotokolls und der Testergebnisse der nächste Schritt getan werden. Die Plattform, auf der du diesen Artikel gerade liest bietet dir bald den Service, den du dazu benötigst. Hier kannst du alle Daten sammeln, dich mit deinem Trainer austauschen und Analysen durchführen.

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Über Philipp Seipp

Philipp ist Profi im Umgang mit Leistungstests und Coach der aufstrebenden Profi-Triathletin Laura Philipp. Als solcher weiß er genau, worauf es bei der Jagd nach dem Podest ankommt. Nach dem Studium der Germanistik und Sportwissenschaften arbeitet er heute als Lehrer an einem Gymnasium. Früher betrieb Philipp selbst Triathlon mit Ehrgeiz, heute ist er seiner Liebe zu Natur und Bergen erlegen und im Sommer vorzugsweise auf dem Mountainbike und im Winter auf Ski anzutreffen.

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